Passionszeit: Sieben Wochen „Üben!“ – sieben Themen – sieben Stiftsdamen

Üben – das passt!! In sieben Wochen üben sich die Stiftsdamen ein, den Themen der Passionszeit auf die Spur zu kommen.

Die Fastenaktion der evangelischen Kirche 2022 hat zum Thema: „Üben! Sieben Wochen ohne Stillstand“. Wir nehmen das auf und schreiben jeweils einen persönlichen Beitrag zu folgenden Wochenthemen:

1 Mein Ziel (Jesaja 2,1-5)

2 Loslegen (Sprüche 24,16)

3 Dranbleiben (Matthäus 4,1-11)

4 Freuen (Matthäus 13,31-32)

5 Knoten lösen (1.Könige 3,16-28)

6 Stille (Lukas 2,19)

7 Neu vertrauen

Mein Ziel                            

Manchmal überfällt mich eine tiefe Trauer. Liegt es daran, dass man mit zunehmendem Alter mehr zurück als nach vorn schaut? Liegt es daran, dass immer mehr Weggefährten und – gefährtinnen gestorben sind oder schwer erkrankt? Liegt es daran, dass mir der Tod immer gegenwärtiger wird?

Mag sein, aber hinter allen diesen Gedanken verbirgt sich das Bewusstsein, dass das Leben endlich und verletzlich ist. Ich schaue mich um und bekomme vielfältig den Beweis: der große alte Baum wurde vom Sturm aus seiner Verwurzelung gerissen, der Müll ist allgegenwärtig und schadet der Natur, Menschen müssen ihre Heimat verlassen, weil Naturkatastrophen, Hunger, Gewalt und Krieg ein Leben mit Zukunft unmöglich machen. Alle diplomatischen Bemühungen um Frieden in der Ukraine sind gescheitert. Das macht mich unendlich traurig.

Dabei gehöre ich zu der Generation, die nach dem 2. Weltkrieg nur Positives erfahren hat: alles war möglich an Bildung und Ausbildung, der Mangel war überwunden, der Frieden in Europa seit 1945 schien gesichert.

Und es gab Aufbruch und große Ziele: „Nie wieder Krieg“, „Jute statt Plastik“, „Brot statt Böller“, „Internationale Solidarität“, „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“.

 „Der Berg Zion wird zum Ort des Friedens für alle Völker“

Die großen Ziele waren eingebettet in Jesaja 2, 1-5. Zion als Wohnstätte Gottes auf dieser Erde- das war die große Verheißung des Propheten Jesaja als Ziel im Leben der Menschen, der Völker und Nationen.

Die gegenwärtige Situation nach dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine lässt uns zweifeln, tief zweifeln an der menschlichen Vernunft, an unserer Wahrnehmung, vielleicht auch an unserem Glauben. Und die Gesichter und Worte der verzweifelten Menschen aus den Kriegsgebieten sind mir näher als die großen Verheißungen vom Frieden und der Gerechtigkeit.

Wie gut, dass ich mich immer wieder anlehnen kann an die Worte des Propheten Jesaja:

„(Der Herr) sorgt für Recht unter den Völkern. Er schlichtet Streit zwischen mächtigen Staaten. Dann werden sie Pflugscharen schmieden aus den Klingen ihrer Schwerter. Und sie werden Winzermesser herstellen aus den Eisenspitzen ihrer Lanzen. Dann wird es kein einziges Volk mehr geben, das sein Schwert gegen ein anderes richtet. Niemand wird mehr für den Krieg ausgebildet.“

Ziel der Menschheitsgeschichte

Ein Ziel zu haben, heißt nicht, es unbedingt erreichen zu müssen – aber es hilft uns, in Bewegung zu kommen, und gibt die Richtung vor.

Auch wenn die Gegenwart eine andere ist, steht doch dieses Ziel seit Jahrtausenden über der Menschheitsgeschichte. Da sollen, da wollen wir hin: zu einem Leben in Frieden, Gerechtigkeit und  in der Bewahrung der Schöpfung. Es gilt, dieses Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, auch und gerade nicht in der gegenwärtigen Situation. Es könnte eine Übung in der Fastenzeit sein, die Augen besonders einzuüben für Momente und Begegnungen zwischen Menschen, in denen Frieden wahr wird. Darum singen wir in unseren Friedensandachten immer wieder das israelische Lied:

„Hevenu schalom alechem – wir wünschen Frieden euch allen, wir wünschen Frieden aller Welt“ (EG 433)

Äbtissin Katrin Woitack

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