Weihnachtserinnerungen, Foto PixabayWeihnachtserinnerungen, Foto Pixabay

Unsere Altäbtissin Uda von der Nahmer erinnert sich an die Weihnachtszeit ihrer bürgerlichen Kindheit in Aurich in den Jahren 1950 bis 1960

Der Weihnachtsbaum

war immer mit silbernen Kugeln und weißen Kerzen geschmückt. Anders geschmückte Weihnachtsbäume fand ich daher in späteren Jahren ordinär. Zwischen den silbernen Kugeln gab es Hierarchien: da waren die dicken runden, die kamen an die oberen Zweige. Dann die vielen kleineren und kleinen Kugeln, die sorgfältigund gleichmäßig abwärts gehängt wurden. Die großen Kugeln in Tropfenform konnte mein Vater – aus welchem Grund auch immer – nicht ausstehen, sie kamen an die hinteren Zweige des Baumes. Und dann gab es auch noch silberne Kugeln mit Eisglitzer, die waren auch nicht so beliebt. Die Silberglöckchen durften nicht fehlen. Am Schönsten waren die vielen silbernen Vögel, die auf den Zweigen saßen. Eine kleine Messingglocke gehörte auch dazu, sie war mit ihrem hellen Klang unsere Weihnachtsglocke, mit der wir ins Weihnachtszimmer gebeten wurden. Aber es gab auch noch weiteren Baumschmuck. Schokoladenkringel und anderes Naschwerk, wie in buntes Stanniolpapier eingewickelte, übereinander geschichtete Schokoladentäfelchen, Glitzersonnen oder mit Likör gefüllte Schokoladenkugeln, die gern stibitzt wurden, wenn auf dem eigenen Weihnachtsteller Ebbe war. Eigentlich sollten die dran bleiben bis Sylvester, wenn der Baum geplündert wurde und die Reste an Baum-Süßigkeiten unter uns Kindern verteilt wurden.

In späteren Jahren, als es bereits zukünftige Schwiegersöhne meiner älteren Schwestern gab, mussten diese den Weihnachtsbaum schmücken. Nach den Anweisungen meines Vaters, der dann im Sessel saß und Kommandos verteilte, die (noch) devot von den „Schnelläufern“, wie mein Vater sie etwas spöttisch nannte, entgegen genommen wurden.

„Wo ist der Schneemann?“

Dann gab es noch kleine Holzfiguren, bunt angemalt, die schon etwas Patina aufwiesen, aber unbedingt an unseren Weihnachtsbaum gehörten. Es wurde jährlich eifersüchtig kontrolliert, dass nur kein Motiv fehlte. Sonst wurde reklamiert: „der Schneemann fehlt“ oder „wo ist das Hessenmädchen“. Wir kannten ja alle Teile. Es handelte sich um einen etwas zweckentfremdeten Schmuck, kleine Holzfiguren aus der Sammlung des Winterhilfswerks während des zweiten Weltkrieges. Mein Bruder erinnert sich, dass Hitlerjungen und BDM-Mädchen mit Sammelbüchsen unterwegs waren, und man sich aus einem Set von ca. 12 verschiedenen Motiven gegen eine Spende von einem Groschen oder mehr ein Teil aussuchen durfte. Neben besagten Holzfiguren wurden auch kleine Heftchen, Glasplaketten, Gemmen mit den Köpfen berühmter deutscher Persönlichkeiten oder bedeutender Bauwerke angeboten. Die Motive wechselten von Jahr zu Jahr und waren allgemein sehr beliebt. Sie wurden auch in der Schule getauscht, wenn man doppelte Motive besaß.

Der perfekte Weihnachtsbaum

Was den Weihnachtsbaum anging, war mein Vater ein ziemlicher Perfektionist. Sein Weihnachtsbaum musste vollkommen sein und seinem enorm hohen Anspruch gerecht werden. Er sollte würdevoll und gerade im Fuß stehen. Und er durfte im Bewuchs kein Loch haben. So kontrollierte Vater die Ebenheit, indem er sich vorm Schmücken und in voller Länge unter den Weihnachtsbaum legte. Und einmal hat er auch ein Loch korrigiert, indem er sehr aufwändig und für alle Beteiligten unvergesslich, mit einem Handbohrer einen zusätzlichen Zweig in den Stamm operierte.

Weihnachtsessen

Von Kartoffelsalat und Würstchen am Heiligabend war schon die Rede. Aber am ersten Weihnachtsfeiertag gab es immer eine Ente und am zweiten Feiertag immer einen gebratenen Hasen mit Rotkohl, den nur meine Mutter so gut kochen konnte. Mit viel Soße, von der ein Spütter traditionell auf dem Schlips meines Vaters landete, den meine Mutter dann mit K2R oder Perplex behandelte. Süppchen vor und eine duftige Zitronencreme als Nachtisch, die mir immer den köstlichen Rest gab. Überhaupt waren wir nach diesen Essen immer sehr erschöpft und es war eineQual, in der Küche beim Riesenabwasch helfen zu müssen (Männer ausgenommen), bevor wir alle in einen tiefen und langen Mittagsschlaf fielen, aus dem uns unsere Mutter mit dem Ruf „Tee ist fertig“ weckte. Zum Tee gab es natürlich Torte. Es wurde in den Weihnachtstagen überhaupt viel gegessen und geschleckert. Und das Glück wurde oft von einem leichten Unwohlsein begleitet, das aber dazu gehörte, wie die Schrotkugeln in den Hasenbraten. Mein Vater trank dann einen kräftigen Schluck Underberg.

Bäcker in Aurich

Jeder Bäcker hatte seine eigenen Spezialitäten. Bankettbuchstaben gab es bei Bäcker de Haan,die kaufte Elly Twardokus immer. Ich habe vergessen, was ich immer bei Bäcker Kiehne kaufen musste (war es selbst gemachtes Marzipan, Mutzenmandeln oder die braunen Kuchen?), aber da war was. Die dünnsten Spekulatius hatte Bäcker Meyer, bei Bäcker Hippen gab es die herrlichen Marzipannüsse, aber wir kauften am meisten bei Bäcker Kramer, der einen einzigartigen Honigkuchen herstellte. Jede Familie hatte da ihre eigenen Vorlieben.

Meine früheste Kindheitserinnerung

habe ich an unsere erste Wohnung in Aurich. Mein Kinderbett stand noch im Elternschlafzimmer, gleich neben der Tür zum Wohnzimmer, die immer einen Spalt offen war. In der Ecke, gleich links neben dieser Tür, stand der Weihnachtsbaum, so dass ich ihn roch, wenn ich in meinem Bett lag und morgens, wenn ich wach wurde, in drei Schritten wieder bei meinen Geschenken war. Ein paradiesischer Zustand. Aber an ein gewisses Weihnachtsfest werde ich mich lebenslang erinnern. Wir saßen zusammen im Esszimmer, die Wohnzimmertür war schon seit Tagen abgeschlossen, aber ich glaubte das Poltern, wie in den Vorjahren, zu vermissen. Alles war verdächtig ruhig, geradezu geräuschlos. Da meinte mein Vater nach dem Abendessen zu uns, in diesem Jahr sei der Weihnachtsmann wohl nicht gekommen. Er nahm eine leere Zigarrenkiste aus seiner Jackentasche und schenkte sie meiner ältesten Schwester, damit sie jedenfalls etwas zu Weihnachten bekomme. Sie spielte mit und bedankte sich auf das Herzlichste. Da bin ich in Tränenausgebrochen. Aber dann wurde doch noch alles gut. Nie leuchtete derWeihnachtsbaum schöner, als in jenem Jahr.

Bescheidene Geschenke

Die Geschenke waren in den Nachkriegsjahren allgemein bescheiden, aber vielleicht gerade darum konnten wir uns so sehr freuen. In jedem Jahr bekam ich ein neues Steifftier. Dann gab es mal neue Kleider für die Puppe, oder einen Himmel für das Puppenbettchen oder ein geblümtes Kissen. In einem Jahr sogar eine neue Puppe, Marke Käthe Kruse, eine absolute Neuheit bei Schüt-Duis, die von mir den Namen Heidi bekam. Heidi konnte ich mit einem (Wasser-) Fläschchen füttern, und darum konnte sie pinkeln und musste dauernd gewickelt werden. Ansonsten gab es noch Bärbel und Hans-Peter und Hans-Günther, die Zwillinge, die aber eigentlich meiner Schwester gehörten, aber mit denen ich als Nachkömmling spielen durfte. Mein schon Geld verdienender Bruder schenkte mir in jedem Jahr ein Mecki-Buch. Mecki im Schlaraffenland, Mecki bei den Indianern, Mecki bei den Eskimos.

Vieles war früher anders

Es war in meiner Erinnerung keine lauwarme Zeit, sondern eine Zeit der Gegensätze. Kalt und heiß, hell und dunkel, groß und klein, Glück und Enttäuschung. War früher alles besser? Sicher nicht. Aber vieles war anders und dies andere hatte durchaus schöne Facetten. Daraus folgereich für mich: keine Angst vor der Zukunft. Vielleicht schrumpfen wir uns ja gesund!

Foto Uda von der Nahmer
Foto Uda von der Nahmer

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