Foto: Ev.-ref. Kirche AurichFoto: Ev.-ref. Kirche Aurich

Unsere Altäbtissin Uda von der Nahmer erinnert sich an die Weihnachtszeit ihrer bürgerlichen Kindheit in Aurich in den Jahren  1950 bis 1960

Heiligabend    
In meiner Erinnerung lag am Heiligen Abend immer Schnee. Wir gingen zum Weihnachtsgottesdienst in die Reformierte Kirche, wo wir traditionell den ersten Weihnachtsbaum sahen. An ihm brannten natürlich echte Kerzen. Später waren elektrische Kerzen Vorschrift, aber auf den unteren Zweigen brannten einige Wachskerzen. Was ich als reformierte Renitenz auslegte und toll fand. In der Kirche wurden die allerersten Weihnachtslieder gesungen.

Den Heimweg machte ich als Jüngste an der Hand meines Vaters. Und dann zählten wir Weihnachtsbäume in den Fenstern der erleuchteten Häuser. Mein Vater spielte ohnehin gern mit mir „ich sehe was, was du nicht siehst…“. Wer am meisten sah, hatte gewonnen. Und meistens gewann ich. Vor allem freuten wir uns auf unseren Weihnachtsbaum, der natürlich der schönste von allen sein würde.

Kartoffelsalat und Würstchen
Aber vorher gab es in der Küche Abendessen am festlich gedeckten Tisch. Immer Kartoffelsalat und Würstchen. Und es war natürlich der beste Kartoffelsalat, den meine Mutter machte, mit saurer Sahne, Eiern, Gurken. Die Würstchen waren von Schlachter Schemmann, später Bolduan. Löwensenf und kein anderer gehörte dazu. Und die salzigen Tränen, die wir in das Essen heulten, denn wir hörten „Weihnachten an Bord“, die Sendung für Seeleute und ihre Angehörigen, die Weihnachten nicht zusammen sein konnten. Wir waren zwar keine Angehörigen, aber das machte nichts. Herzzerreißend und live wurde die Sendung über Norddeich Radio ausgestrahlt. Da wurde die Verbindung zwischen dem Papa in der Südsee hergestellt, der bei 40 Grad im Schatten schwitzte, mit Weihnachtsbaum aus der Kühltruhe, und das Töchterchen vom Fehn sagte ihre Grüße oder ein Gedicht auf. Und wenn die Ehefrau mit einem Kloß im Hals ihrem Mann und seiner Mannschaft frohe Weihnachten wünschte, liefen unsere Tränen kollektiv und solidarisch. Unser Vater allen voran. Später hatten wir dann einen wirklichen Grund, als mein Schwager, Kapitän auf großer Fahrt, Weihnachten fern von seiner Familie verbringen musste. Da durfte allerdings meine Schwester zuerst heulen.

Das Weihnachtszimmer
war bis zur Bescherung abgeschlossen. Nach dem Essen in der Küche gingen wir auf unsere Zimmer, bis das bestimmte Weihnachtsglöckchen läutete. Mein Vater hatte die Schallplatte mit dem Weihnachtskonzert von Archangelo Corelli aufgelegt. Ich durfte als erste ins Weihnachtszimmer gehen, die Geschwister folgten, die Eltern zuletzt. Wir waren alle festlich angezogen, meist gab es zu Weihnachten was Neues. Der Weihnachtsbaum strahlte und glänzte unbeschreiblich. Unter dem Baum, bedeckt von weißen, gestärkten Tischtüchern, lagen unsere Geschenke. Die Unebenheiten regten die Phantasie an. Wir sangen viele Weihnachtslieder mit nicht enden wollenden Strophen. „Herbei oh ihr Gläubigen“ und „es kommt einSchiff geladen“, gefiel unserem Vater, unsere Mutter mochte „Es ist ein Ros‘entsprungen“ und „Fröhlich soll mein Herze springen, dieser Zeit, da vor Freud,alle Engel singen…“, glaube ich. Mein Bruder sagte sein Standardgedicht auf „Mit Dromedar und Elefant, kamen wir her aus fernem Land…“ Wir Mädchen mussten in jedem Jahr neue Gedichte lernen, darüber wachte er, das fanden wir ungerecht. Nachdem wir satt vom Singen waren, las meine Mutter aus der alten Familienbibel die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium vor, und dann begann endlich die Bescherung. Und: sie begann mit mir, dem jüngsten Kind. Mein Vater lupfte ein wenig die weiße Tischdecke, ganz rechts unter dem Weihnachtsbaum, als erstes Geschenk bekam ich meinen bunten Teller. Dann das nächste und so fort. Dann kam meine Schwester Gertrud an die Reihe. Erst bekam sie ihren bunten Teller, dann ein kleines Geschenk, und dann fand mein Vater noch ein Geschenk für mich, das er übersehen hatte, und das war dann meist ein Hauptgeschenk, ein Schmuckstück, ein Ring oder ein Armreifen. Ich – die ich ja schon überglücklich mit meinen Geschenken war und nichts mehr erwartete – brach dann regelmäßig vor Freude in Tränen aus. Später am Abend gab es Klaben auf den kostbaren Kuchentellern meiner Großmutter und Kaffee aus unseren alten ostfriesischen Kaffeetassen.

Übrigens: zwei meiner Geschwister haben Weihnachten Geburtstag, mein Bruder am ersten und meine Schwester am zweiten Feiertag. Die bekamen dann noch einen Knirps oder ein Buch und taten mir schrecklich leid.

Der Weihnachtszauberer
Mein Vater hatte die Dekoration des Weihnachtszimmers gemacht. Er war ein Weihnachtszauberer. Über den Esstisch legte er eine weiße Damastdecke mit Sternenmuster, die er abwechselnd im Muster der Tischdecke mit Kerzenhaltern in Sternform aus Metall oder rotem Holz dekorierte. In ihnen steckten rote Weihnachtsbaumkerzen. Aber in der Mitte stand eine alte Glasschale, fast eine Etagere, in der – und das wirklich nur zu Weihnachten – das leckerste Konfekt lag. Meine Mutter kaufte es bei Kücker in Aurich, diesem wunderbaren Laden, in dem es unvergesslich nach Kaffee und Schokolade duftete. Die herrlichsten Süßigkeiten kaufte meine Mutterfür diese Schale: Bremer Kluten, Fondant, Geleekonfekt, Rumkugeln, Schokokringel hell und dunkel, Königsberger Marzipan und Marzipankartoffeln, eingewickelte Pralinen, alles beste Qualität. Wir durften uns an dieser Schale nicht selbst bedienen, sondern nur aufgefordert etwas nehmen. Ich habe gelegentlich ein Teil von meinem bunten Teller mit einem Teil aus dieser Schale getauscht. Es hat, glaube ich, niemand gemerkt. Auf der Kommode standen zwei Leuchter aus böhmischem Bleikristall und auf dem Grundig-Radio ein Transparent mit Krippenmotiv aus alten Zeiten, dahinter brannte eine Kerze. Auf dem Wohnzimmertisch lag eine von meiner Mutter gestickte Decke mit weihnachtlichen Motiven. In allen Fenstern leuchteten Kerzen. Der Adventskranz war auf wundersame Art verschwunden.

Fortsetzung folgt …

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