Mit Abstand und doch gemeinsam – Rückblick auf ein außergewöhnliches Jahr

Ist es möglich, Abstand zu halten und doch eine Gemeinschaft zu sein? Diese Frage hat uns veranlasst darüber nachzudenken, was uns in den vergangenen zwölf Monaten begegnet ist, uns bewegt und Kraft gegeben hat. Die Äbtissin, drei Stiftsdamen und unser Verwalter wagen einen Blick zurück auf ein außergewöhnliches Jahr, das uns gefordert und natürlich teilweise verändert hat.

Es hat lange gedauert, die Bedeutung der Pandemie und deren Auswirkung auf unser Alltagsleben zu verstehen. Die reale Bedrohung ist doch weit weg – plötzlich ist das Virus hier. Persönliche Einschränkungen werden im Laufe der Zeit deutlich und unser geistliches Leben und Miteinander verändern sich spürbar. Aber für uns war es schön und ermutigend zu sehen, dass sich anfangs ungewohnte Formen entwickeln und finden lassen. Einiges muss vorübergehend aufgegeben werden, anderes wird neu entdeckt. Wir machen Erfahrungen, die sicherlich lange in unserer Erinnerung bleiben werden.

Auf einmal ist alles anders

Camilla Dormagen drückt es rückblickend so aus: „Ich habe in der ersten Zeit gefremdelt und eine kleine Lähmung bei mir gespürt. Alltägliche Aktivitäten sind ins Stocken gekommen und vernachlässigt worden; sozusagen Rückzug ins eigene Schneckenhaus. Für mich war es surreal, ich fühlte mich wie im falschen Film zu sein.“

Sabine Jackwert berichtet aus ihren letzten Arbeitswochen vor dem Umzug ins Stift, die sie sich eigentlich anders gewünscht hätte. „Bis zu meiner Verabschiedung war nur noch Homeoffice angesagt. Ab Anfang April liefen alle Gespräche mit den Kollegen auf diesem Weg – gefühlt war es eine lange Zeit. Obwohl im Nachhinein betrachtet, der Zeitraum tatsächlich gar nicht sehr lang war. Zudem hatte ich große Bedenken, ob der anstehende Umzug im Mai überhaupt stattfinden kann. Wie schön, dass dann noch alles geklappt hat.“

„Ich war Anfang März bei meiner Tochter“ erinnert sich Waltraud Menge, „als die beunruhigenden Nachrichten über die Pandemie immer häufiger zu hören waren. Zunächst wollte ich wirklich nicht wahrhaben, dass wir davon so stark betroffen sein könnten. Auf dem Heimweg hatte ich im vollbesetzten Zug ein mehr als mulmiges Gefühl. Rechts und links waren Niesen und Husten zu hören, auf einmal Geräusche, die mir bewusst machten, dass ich mich mit mehr als nur einer Erkältung anstecken könnte. Ich hatte tatsächlich schon medizinische Masken im Gepäck, mochte sie aber noch nicht aufsetzen. Deshalb habe ich während der gesamten Fahrt meine Handschuhe anbehalten, für mich ein kleines Gefühl der Sicherheit.“

Für unseren Stiftsverwalter, Stefan Römbke, gab es auch im privaten Bereich viele Einschränkungen. Er berichtet, dass vor allem für die Kinder das Home-Schooling sehr schwierig gewesen sei. „Die beiden älteren Kinder mussten erst mit technischen Geräten ausgestattet werden. Unser seinerzeit noch langsames Internet erschwerte den Zugang und das gleichzeitige Benutzen digitaler Schulplattformen schon sehr. Für die Kinder ist die Zeit der Pandemie sehr belastend, da sie ihre Freunde nicht sehen können und der Schulunterricht auch nicht regelmäßig stattfindet. Für uns Erwachsene sind Kontaktbeschränkungen einfacher auszuhalten. Wir können beispielsweise auf schöne Erlebnisse in der Vergangenheit zurückblicken, mit Vorfreude auf sich ganz bestimmt ändernde Zeiten sehen und daraus Kraft schöpfen.“

Auch Äbtissin Katrin Woitack konnte anfangs die Bedrohung und die damit verbundenen Einschränkungen nicht ganz einschätzen. Sie erinnert sich lebhaft und gerne an den Besuch in Meschede anlässlich des 1150-jährigen Jubiläums des ehemaligen Kanonissenstifts St. Walburga. In ökumenischer Verbundenheit hatte Pfarrer Michael Schmitt Frau Woitack und Frau Menge eingeladen, an einem Gottesdienst mitzuwirken. Für die Äbtissin war das die letzte Predigt vor dem Lockdown.

Trotz Abstand gibt es viel Gemeinsames

Äbtissin Woitack fasst in Worte, was uns gemeinsam trägt: „Da die morgendliche Mette und das gemeinsame Singen in der Kirche zurzeit nicht erlaubt sind, treffen wir uns jeden Morgen an den Fenstern rund um den Kreuzgang und singen gemeinsam einen Choral, begleitet von Frau Schroeder am Klavier. Dieser Start in den Tag gibt uns die Möglichkeit, uns gegenseitig wahrzunehmen. Ein Winken und ein paar Worte über die Weite des Kreuzhofes lassen uns den Tag gut und mit einem Lächeln beginnen“.

Eine weitere Corona bedingte Neuerung ist das tägliche Läuten unserer Glocken um 17:50 Uhr. Im ersten Lockdown waren Gottesdienste nicht gestattet, allerdings riefen die Landeskirchen zu einem täglichen Gebetsimpuls auf. Für uns ist der Klang unserer Glocken die Einladung, sich einen Moment Zeit zu nehmen, um miteinander und füreinander zu beten. Während des Lockdowns jede und jeder für sich zu Hause. Wir bekommen sehr viele positive Rückmeldungen aus dem Dorf, dass wir dieses „Corona-Läuten“ beibehalten haben und so täglich ein Zeichen setzen.

Für Camilla Dormagen war es vor allem „die Magie der Fischbecker Rapsfelder. Bei Streifzügen durch Feld und Wald konnte ich Energie tanken, die Schönheit der Natur genießen und Gottes Präsenz spüren“.

Sabine Jackwert blickt zurück auf ihre Zeit im Odenwald und erinnert sich: „Mein Verabschiedungsgottesdienst in Michelstadt ist in einem sehr viel kleineren Rahmen abgelaufen als ursprünglich geplant. Ich habe aber diesen von vielen Kolleginnen und Kollegen sehr liebevoll gestalteten Gottesdienst als einen besonderen Abschluss meines Berufslebens empfunden und fand es toll, dass mich trotz aller Einschränkungen viele Weggefährten begleiten konnten. Mir bleiben dieses besondere, mit vielen Bildern verbundene Gefühl, die Freundschaft, Herzlichkeit und Vertrautheit tief im Gedächtnis.“

„Genauso“, bestätigt Waltraud Menge, „ist mir die gemeinsame Fahrt mit Frau Woitack und der Gottesdienst in Meschede im Gedächtnis geblieben. Das Sauerland ist meine Heimat und dieser Tag gab mir nicht nur die Möglichkeit, einige alte Freundinnen wieder zu treffen, sondern auch unserer Äbtissin die Besonderheit der sauerländischen Landschaft und kleine, aber sehr beeindruckende Dorfkirchen zu zeigen.“

Für unseren Verwalter Stefan Römbke gab es auch im beruflichen Bereich besondere Momente. Trotz vieler Widrigkeiten wurden die Bauarbeiten an der Südscheune und in der neuen Pilgerwohnung fertig gestellt. Für ihn ist es einfach schön die Ergebnisse vieler Arbeitsstunden zu sehen, sei es nun bei Projekten die das Stift betreffen wie auch im privaten Bereich.

Abstand – Nähe und gegenseitige Hilfe

Vieles fehlt. Vieles hat sich verändert – auch unsere Gewohnheiten, Wünsche und Pläne. Veranstaltungen wurden geplant und abgesagt. Wie sieht es mit den bekannten Fischbecker Orgelkonzerten aus? Können wir es wagen, haben wir Helfer? Fragen über Fragen und keine leichten Entscheidungen. Ein umfassendes Hygienekonzept musste erstellt werden. Aber Dank des Engagements eines großen Kreises von Musikliebhabern waren die Konzerte im Sommer möglich und zahlreiche Besucher konnten sich am Klang unserer besonderen Orgel erfreuen. Es hat sich gezeigt, dass es möglich ist, auch mit sehr viel Abstand Gemeinschaft erleben zu können.

Anfangs durften wir unsere Kirche nicht zu Einkehr und Gebet öffnen. Nachdem im Sommer Lockerungen erlaubt wurden, konnten wir auch dies wieder ermöglichen, denn ein Gotteshaus soll für die Menschen offenstehen. Ohne die tatkräftige Unterstützung unserer Ehrenamtlichen hätten wir das nicht so leicht umsetzen können.

Eine ganz große Freude ist es für uns festzustellen, wie viele Menschen dem Stift verbunden und bereit sind, da Hilfe zu leisten, wo es nötig ist. Wie jedes Jahr, forderte im Herbst der Kampf gegen die herunter gefallenen Blätter einen erhöhten Einsatz. Die Mitglieder des Reitvereins verabredeten sich untereinander, uns mit einer Laubfegeaktion zu unterstützen. Mit viel guter Laune wurde an einem Samstag ein großer Container mit sehr vielen Blättern gefüllt. An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an unsere Gästeführer und alle Helferinnen und Helfer, die uns in verschiedenen Bereichen unterstützt haben. Wie schön, dass es euch gibt!

Im Garten ist Gemeinschaft mit Abstand möglich

Selbstverständlich muss aber auch die tägliche Arbeit weitergehen. Büroarbeit ist zu erledigen, Termine sind einzuhalten, der Friedhof muss verwaltet werden, Gärten und Wege fordern ständige Pflege – alles Bereiche, die keinen Stillstand dulden. Aber trotz aller anfallenden Arbeiten und persönlichen Einschränkungen gab und gibt es immer wieder die kleinen Nischen der Gemeinsamkeit und Entspannung. Für uns Stiftsdamen sind das besonders die Gärten. Dort können wir uns auf Zuruf treffen – so ganz ohne feste Verabredung und natürlich mit sehr viel Abstand – und das eine oder andere Gläschen Sekt zum Sonnenuntergang genießen. Die Vorfreude auf warme Sommerabende ist schon vorhanden.

Mit den Gedanken an diese schönen Momente sehen wir mit großer Zuversicht dem Frühling und Sommer entgegen. Immer in der Hoffnung, dass sich die Inzidenzwerte verbessern und recht bald wieder ein einschränkungsfreies Miteinander möglich ist.