Ein Tag als FSJ-lerin

Langsam wird es morgens wieder heller. So kann ich meinen morgendlichen Rundgang wieder aufnehmen. Ich mache mich auf den Weg in die Gärten und freue mich über den Streifen Rosa am Horizont. In der Stille wirken der knirschende Kies und das quitschende Gartentor viel lauter. Ich schaue mich um. Überall liegen vom Wind verwehte Äste. Hier und da sprießen schon die ersten Schneeglöckchen. Irgendwo im Gebüsch raschelt etwas. Vielleicht der berüchtigte Waschbär? Ich mache mir ein Foto von einer besorgniserregend efeubewachsenen Ecke und von einem Samenstand, der ganz besonders schön im Raureif glitzert. “Wieder viel zu tun“ schreibe ich als Kommentar und schicke die Fotos in den Gruppenchat mit meinen Freunden. “Cristina und ihr Märchenwald“ kommt prompt die Antwort. Schmunzelnd mache ich mich auf den Weg in die Verwaltung.

Tägliche Besprechung der anfallenden Arbeiten

Zusammen mit der Äbtissin und dem Stiftsamtmann bespreche ich das Vorgehen für heute. Die Wettervorhersage ist wieder einmal recht zweideutig. Wenn das Wetter hält, nimmt mich die Äbtissin auf einen Lehrgang zum Thema Wasserläufe, bevor es wieder zum Friedhof geht. Dort befreie ich seit einiger Zeit die historischen Stiftsdamengräber vom Efeu, der Grabsteine überwuchert und teils sogar die Fassungen sprengt. Sehr anstrengend, aber ich fühle mich dabei auch wie eine kleine Archäologin. Einmal habe ich einen super alten, rostigen Spachtel aus dem Gestrüpp gezogen.

Die Turmuhr fasziniert mich

Zuerst aber geht es hinauf zur Turmuhr. Ein Blick aufs Handy sagt mir, dass ich noch kurz warten muss. Das Uhrwerk kommt quasi durcheinander, wenn man es während des Glockenschlags aufzieht. Also warte ich einen Moment und bewundere die Konstruktion aus dem 19. Jahrhundert, bevor ich die Kurbeln betätige. Vorsichtig steige ich die Treppe wieder hinab.
Auf dem Weg zur Werkstatt sehe ich durchs Fenster den Kreuzhof, wo wir im Dezember das zentrale Rosenbeet komplett aufgelöst haben. Jetzt sieht es noch trist und leer aus, aber ich bin schon gespannt, wie es sich in Zukunft verändern wird.
Während ich warte, räume ich ein wenig in der Werkstatt auf, begleitet vom Morgengesang der Kapitularinnen, die an den Fenstern rund um den Kreuzhof stehen.
Aus dem Augenwinkel sehe ich eine Maus an der Wand entlanghuschen. „Rette dich, kleiner Freund“.

Vom Friedhof auf den Dachboden

Es dauert nicht lang bis der Gesang verstummt und Frau Woitack mich abholt, um mir die Wasserläufe spezifisch hier im Stift zu erklären. Kurz nach Zehn sind wir fertig. Wenn ich mich gleich auf den Weg mache, sollte ich genug Zeit haben um wenigstens ein Grab zu räumen und mit Tannenreisig zu bedecken. Ich habe leider kein Glück: binnen kürzester Zeit muss ich vorm Regen nach drinnen flüchten. Ich wärme mir die Finger an einer Tasse Tee, dann bewaffne ich mich mit Besen, Maske und einem Podcast und fege wie besprochen weiter den Dachboden. In den verwinkelten Gängen mit den dunklen Nischen höre ich diesmal lieber Comedy statt Horror.

Nicht nur handwerkliche Tätigkeit, sondern auch viel Theorie

Mittags bessert sich zwar das Wetter, meine Sachen jedoch sind nass und kalt, wie ich in der Pause merke. Ich beschließe, keine Erkältung zu riskieren. Stattdessen mache ich also Recherche in Zivil. Aus der Friedhofsverwaltung borge ich mir eine Zeitschrift zum Thema Friedhofskultur und mache mir Notizen. Ob sich eine kleine Sorte von Schafgarbe wohl für die Gräber eignet? Wie steht es mit der Schleifenblume “Fischbeck”?

Cristina Sanders-Ponce

Eine meiner Aufgaben als FSJ-lerin, Arbeiten an den alten Grabstätten der Stiftsdamen – Foto Stift Fischbeck