Macht hoch die Tür, die Tor macht weit

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit, ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich, der Heil und Leben mit sich bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt: gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat.“ EG 1

Mit diesem Liedvers, der uns seit Kindertagen vertraut ist, beginnt das neue Kirchenjahr. Was dieses kommende Jahr wohl mit sich bringen wird? Sorge, Vereinsamung, Existenzangst? Die Coronapandemie lässt unser Leben, unsere Welt aus den Fugen geraten. Ängstlich verfolgen wir die Ansteckungszahlen, diskutieren, wie viele Personen aus wieviel Haushalten miteinander das Weihnachtsfest feiern dürfen. Dabei fällt immer wieder ein Stichwort: „Weihnachten ist doch das Familienfest“.

Eigentlich war es das aber noch nie, sondern es war immer das Fest der Geburt Jesu, das Fest der Gegenwart Gottes in dieser Welt.

So fröhlich und befreiend

Ich erinnere mich an ein Weihnachtsfest in der Karibik, der Dominikanischen Republik, eines der ärmsten Länder dieser Welt. Als junge Frau arbeitete ich saisonweise auf einem Handelsschiff. „Feliz navidad“ sangen, tanzten, feierten die Menschen auf den Straßen. Die Türen zu den Häusern waren offen, die Augen und Ohren der Gäste ebenfalls. Wie befreiend war die Fröhlichkeit der Menschen, die wirklich zu den Ärmsten gehörten, wie wohltuend die Gastfreundschaft gegenüber den deutschen Seeleuten. Keine Abgrenzung, keine Zurückweisung, kein Misstrauen. Gott ist in die Welt gekommen. Das feiern wir. Unvergessliche Momente.

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…“ Dass wir in unseren Landen in den Häusern feiern, hat natürlich auch etwas mit unseren Temperaturen zu tun. Der Rückzug in die Privatheit, der Versuch, mithilfe von Dekorationen Glanz in diese trüben Tage zu bringen und nun zusätzlich die Einschränkungen der Begegnungen lassen wenig Raum für die große Weite, die die Worte aus Psalm 24 verkünden.

Macht eure Augen und Ohren auf

Ob damals, 1623, als der Pfarrer Georg Weissel in Königsberg diese Liedverse dichtete, die Welt rosiger aussah als für uns heute, wage ich zu bezweifeln. Mitten im 30- jährigen Krieg, der in aller Brutalität geführt wurde, ist dieses Lied entstanden und hat sich Bahn geschaffen wie der Kometenschweif eines Sterns. Gott, Schöpfer, Tröster und Heiler will sich in die Dunkelheit unseres Lebens bahnen, ruft uns dieses Lied zu. Macht eure Augen und Ohren auf, öffnet die Herzen, seht und schmeckt, dass Gott uns nahe kommt in diesem Menschen Jesus, den Christus.

Weihnachten findet statt – wenn auch nicht unter den gewohnten Umständen. Aber vielleicht helfen ja die ungewohnten Zustände, den Blick dahin zu wenden, wohin Gott sich wendet, zu den Einsamen und Verlorenen, zu denen, die in Dunkelheit und Armut leben, zu denen, die hoffnungslos sind: Fürchtet euch nicht!

„Er ist gerecht, ein Helfer wert; Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit; all unsre Not zum Ende er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat.“ EG 1,2

Äbtissin Katrin Woitack