60 Jahre Dammbruch in Fischbeck – Ein Weg der Erinnerung
Karl Spilker beginnt seine Chronik „Die Flutkatastrophe“ wie folgt: als die Sonne am Mittwoch, dem 20. Juli 1966 über unserer damals noch selbständigen Gemeinde aufging, da beschien sie ein Bild der Zerstörung. In der Nacht war das große Wasser gekommen.
Über zwei Stunden lang stürzten Wassermassen aus den Wolken, ließen den bis dahin kleinen Nährenbach, der in der Feldmark normalerweise nur so breit ist, dass ihn ein Hase überspringen könnte, zu einem wilden Strom anschwellen…. Gegen 20.45 Uhr wurde der Damm überflutet. Das Wasser stürzte in einer dreieinhalb Meter hohen Flutwelle durch das rund 2.700 Einwohner zählende Dorf….
Am 19. Juli jährte sich der Dammbruch von Fischbeck zum 60. Mal. Damals brachen die Wassermassen durch den Damm und überschwemmten große Teile des Ortes. Dieses einschneidende Ereignis ist bis heute fest im Ortsgedächtnis verankert.
Weg der Erinnerung
Aus diesem Anlass trafen sich rund 80 Menschen am Fischbecker Damm, um gemeinsam den „Weg der Erinnerung“ zu gehen. Das Wetter zeigte sich wenig sommerlich, wie vor 60 Jahren hatte es am Morgen heftig geregnet, doch davon ließ sich niemand abhalten der Gedenkveranstaltung beizuwohnen.
Auf dem Weg durch das Dorf machten die Teilnehmenden an mehreren Stationen Halt. Dort berichteten Zeitzeugen eindrucksvoll von ihren Erlebnissen während der Flutkatastrophe. Trotz der großen materiellen Verluste erzählen viele ihre Geschichten heute mit bemerkenswerter Gelassenheit – manches sogar mit einem Augenzwinkern.
So erinnerte sich Herr Sölke, der damals mit seinen Eltern in der Straße Blümenau wohnte, daran, wie das Wasser vorne in das Haus strömte und hinten durch die Fenster wieder hinausfloss. Die Familie konnte sich rechtzeitig in Sicherheit bringen – und glücklicherweise befand sich auch das Schwein nicht mehr im Haus.
Zeitzeugen und jüngere Fischbecker im Gespräch
Der Weg der Erinnerung endete in der Südscheune des Stifts. Dort kamen die Zeitzeugen bei Kaffee und Kuchen mit jüngeren Fischbeckern ins Gespräch, die das Hochwasser nur aus Erzählungen kennen. Es wurde von Räumen berichtet, die bis unter die Decke überflutet waren, von vollständig zerstörtem Mobiliar, von großen Verlusten und von den ertrunkenen Rindern der Witwe Sommermeier.
Gleichzeitig war immer wieder die große Erleichterung zu spüren, dass kein Mensch sein Leben verlor und alle Schäden schließlich behoben werden konnten. Das doch beinahe ein Mensch ums Leben kam, erzählt der Landwirt Franz Sommermeier. Seine Mutter war im Keller eingeschlossen, weil sie die Kellertür nicht mehr öffnen konnte. Erst nach längerem Suchen wurde sie gefunden und in letzter Minute gerettet.
Eva Maria Lange, die mit ihrem Mann und der drei Monate alten Tochter am Helmburgisplatz lebte, blickt heute sehr ruhig auf die Ereignisse zurück. Natürlich sei ihnen nicht zum Lachen zumute gewesen, erzählt sie. Dennoch hätten sie die Situation mit einer gewissen Gelassenheit angenommen. Sie seien froh gewesen, dass niemand aus der Familie verletzt wurde. Als jung verheiratetes Paar hätten sie ohnehin noch nicht viel besessen – und deshalb vor allem das geschätzt, was ihnen geblieben war.
Große Hilfsbereitschaft von allen Seiten
Immer wieder wird an diesem Tag die außergewöhnliche Hilfsbereitschaft innerhalb der Dorfgemeinschaft hervorgehoben. Nachbarn unterstützten sich gegenseitig, Wäsche wurde füreinander gewaschen – auch wenn dabei aus einer Wolltischdecke unfreiwillig ein kleiner Läufer wurde.
Das Deutsche Rote Kreuz versorgte die Menschen mit warmen Mahlzeiten. Unterstützung kam außerdem von Soldaten der damals in Hameln stationierten britischen Armee, der Bundeswehr aus Holzminden, der Feuerwehr, dem Technischen Hilfswerk und dem Roten Kreuz.
Von Franz Sommermeier erfuhren wir, dass es für die landwirtschaftlichen Berufskollegen mehr als eine Selbstverständlichkeit gewesen sei, den in Not Geratenen so viel es geht zu helfen.
Die Ereignisse des Sommers 1966 haben viele Menschen nachhaltig geprägt. Der damals 14-jährige Wilfried Rinne berichtet, dass die Flutkatastrophe entscheidend dazu beigetragen habe, dass er sich schon 1967 als Gründungsmitglied der Jugendfeuerwehr Fischbeck engagierte und später Ortsbrandmeister wurde. Auch er erinnert an den starken Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung, die eine funktionierende Dorfgemeinschaft ausmachen.
Um insbesondere den Kindern nach den belastenden Erlebnissen zu helfen, organisierte und bezahlte der Gemeinderat Erholungsaufenthalte, damit sie Abstand von den traumatischen Ereignissen gewinnen konnten.
Die Gedenkveranstaltung macht deutlich, dass die Flutkatastrophe von 1966 bis heute ein wichtiger Teil der Geschichte Fischbecks ist. Umso bedeutender ist es, dass die Zeitzeugen ihre Erinnerungen mit den nachfolgenden Generationen teilen. So bleibt nicht nur das Ereignis selbst, sondern auch die Erfahrung von Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft und gegenseitiger Unterstützung lebendig.











