Karfreitag

Die Lieder aus dem evangelischen Gesangbuch, die wir im Stift in der Passionszeit täglich in unserer Morgenandacht, der Mette, singen, erzählen von Jesu angstvollem Warten auf Qual und Sterben und seiner Einsamkeit im nächtlichen Garten Gethsemane.

Diese Lieder stimmen uns emotional auf ein Ereignis ein, das am Karfreitag vor fast 2000 Jahren stattfand. Ein Mensch wird getötet – im Zusammenspiel politischer Macht, öffentlicher Dynamik und institutioneller Absicherung. Wieviel Angst kann ein Mensch ertragen, der einsam und von allen Freunden verlassen auf sein sicheres und qualvolles Ende schaut?
Die Bibel beschreibt dieses Ende drastisch.
Ein versehrter Körper. Ein öffentliches Sterben. Kein Ausweichen möglich.
Es zeigt aber auch einen Menschen, der Gewalt nicht erwidert, der sich nicht durchsetzt, der nicht „gewinnt“.

Welche Parallelen sehen wir in der Gegenwart?
Kriege werden geführt und begründet. Zivile Opfer werden in Kauf genommen. Die Vokabeln des Krieges gehen in unsere Sprache ein. Gewalt wird strategisch erklärt und politisch relativiert. Was früher erschüttert haben mag, kommt heute ganz selbstverständlich über die Nachrichten in unsere Häuser und unsere harten, armen Herzen.

Karfreitag widerspricht dieser Gewöhnung. Der Blick auf das Kreuz ist eine Konfrontation mit unserer Gleichgültigkeit und Überforderung.

Gebet

Gott, wir sehen eine Welt,
in der Gewalt nicht aufhört und Recht nicht eindeutig ist.

Wir hören Argumente und wissen doch,
dass sie das Leid nicht aufheben.

Bewahre uns vor Gleichgültigkeit.
Bewahre uns auch vor falscher Eindeutigkeit.

Gib uns die Fähigkeit, genau hinzusehen,
und die Kraft verantwortlich zu handeln, wo wir es können.

Amen.

Stift Fischbeck